Corinne, die sich täuschen lässt

Meine Freundin Corinne ist wohl die cleverste Controllerin, die ich kenne.
Tricksen beim Budget, falsche Kostenstellenplanungen, getürkte Abrechnungen – ihrem Auge entgeht nichts.

Beneidenswert für uns eher nachlässige und oberflächliche Frauen. Ich bewundere sie für ihre Fähigkeit, genau hinzuschauen, zu analysieren und anschliessend zu bewerten.
Vielleicht greift die Argumentation etwas zu kurz, zu behaupten, weil sie so vernunftbetont handelt und nichts dem Zufall überlässt, ist sie bislang ohne festen Partner.

Corinne ist die einzige von uns Kolleginnen im Pharmaunternehmen hier in Basel, die schon seit Jahren alleine lebt. Kontakte innerhalb der Firma sind für sie tabu – verständlicherweise.

Als Abteilungsleiterin wäre ihr Ruf sonst ruiniert. Privat macht sie Yoga und lernt Italienisch, Dass bei beiden Hobbys nicht gerade Männerüberschuss herrscht, muss sie sich von uns oft mit sarkastischem Unterton anhören.
Natürlich geht Corinne in ihrer Arbeit auf, ein wichtiger Lebensinhalt für sie. Aber diese endlosen Sonntage, womöglich noch verlängerte durch Feiertage. Ein Graus für sie.

Lange überlegt, lange geplant: ein Partner muss her.

Corinne ist nicht der Typ, der Samstagabend durch die Basler Kneipen zieht. Statistisch gesehen (sie ist ja Controllerin) sind die Chancen im Internet die grössten. Eine Analyse der grossen Partnerbösen ist schnell gemacht, die Entscheidung getroffen. In der elitärsten und teuersten gibt Corinne eine Anzeige auf.
Schlicht, ehrlich und ohne zu viele Forderungen an den künftigen Partner. Die Alterstoleranz liegt bei ihr sogar zwischen 35 und 55 Jahren, auch vorhandene Kinder, ob im eigenen Haushalt lebend oder nicht, sind ihr egal. Die Chemie zwischen den beiden muss nur stimmen.
Corinne meint, dass die Resonanz recht gut sein müsste. Doch die Antworten auf ihre Kontaktanzeige trudeln sehr spärlich ein. Viele sind Rundmails, die vermutlich völlig wahllos an alle Frauen zwischen 30 und 40 geschickt werden, die kleiner sind als 1,80 Meter. Gelegentlich sind Anfragen von enttäuschten Männern, getrennt lebend, oftmals Lehrer oder auf dem Gebiet der Psychologie arbeitend, dabei. Corinne hat Mitleid, will aber nicht selber zur Psychologin werden und schreibt aufmunternde Absagemails.
Und dann kommt eine Nachricht von Max. Im Telegrammstil geschrieben, in etwa so: Max – 46 – Banker – Luxembourg – mag Deine Anzeige – hasst Internet-Datings - würde aber gerne wissen, wo Du steckst – habe ich eine Chance? Er hatte eine. Er traf den Nerv von Corinnes Suche.

Die beiden trafen sich in Strassburg zum Abendessen. Corinne nahm umgehend ihre Kontaktanzeige aus dem Netz. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Schmetterlinge seit dem ersten Treffen. Es passte alles. Unverheiratet, gebildet, ein Faible für berufstätige Frauen, gross und sportlich, und Kinder waren auch nicht ausgeschlossen. Corinne hatte das Gefühl nach vier Wochen bereits eine so stabile Beziehung aufgebaut zu haben, wie früher nach zwei Jahren.
Die Entfernung Basel – Luxembourg war weit, so dass sie sich nicht jedes Wochenende sehen konnten. Meist kam Max zu ihr, einmal verbrachte sie ein Wochenende bei ihm und wunderte sich über die kleine Wohnung bei dem guten Job. Dass Liebe blind macht, sagten wir ihr irgendwann, denn wir hatten den Eindruck, dass Max dezidiert bestimmte, wann das nächste Treffen stattzufinden hatte. Dazwischen wurde auch so gut wie nicht telefoniert, nur gemailt.

Zum Glück gibt’s Internet-Recherche. Das Misstrauen war gerechtfertigt.
In Trier führte Max mit seiner Frau und seinem Sohn ein glückliches Familienleben, natürlich bis auf die Tage, an denen er auf Dienstreise in die Schweiz musste.

 
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