Esther, die pragmatisch vorgeht
Esther ist selbstkritisch. Als Schönheit hat sie noch niemand bezeichnet, höchstens als apart. Ihre Haare sind aschblond, zum Sport kommt sie nicht mehr, seitdem sie den Job als Masseurin im Fünf-Sterne-Hotel angenommen hat, und wenn ihr etwas nicht passt, dass sagt sie das klar und deutlich.
Esther hat Ansichten. Zum Beispiel diejenige, dass die monogame Liebesehe ein Auslaufmodell ist und falls doch in dieser Absicht geschlossen, bald vor dem Scheidungsrichter endet. Kann man nix machen, meint Esther.
Esther ist aber auch ehrgeizig. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in der Innerschweiz, wurde sie in Luzern zur Krankengymnastin und Masseurin ausgebildet und hat sich von kleinen Privatpraxen bis zu der Hotel-Adresse am Genfer See hochgearbeitet.
Als ehrgeizig und rationalistisch bezeichnet sie sich selbst.
Doch manchmal kommen Zweifel, denn Esthers Lieblingsfigur ist Jennifer Lopez in „Maid in Manhattan“: Hotel-Angestellte verliebt sich in prominenten Hotelgast. Jetzt ist sie nicht unbedingt Fan von Ralph Fiennes, aber die Geschichte gefällt ihr irgendwie.
Esther beschliesst, sich einen Partner zu suchen, der Veränderung in ihr Leben bringt.
Sich von Hotelgästen ansprechen zu lassen, ist streng untersagt. In diesem Revier kann sie nicht wildern. Esther geht pragmatisch vor. Sie schaltet online eine Kontaktanzeige in einem Partnerforum.
Der Raum ist ihr egal, schliesslich kann sie überall auf der Welt arbeiten. Esther nutzt das Internet für ihre Zwecke: schnell Kontakt zum richtigen Mann zu bekommen.
Richtig bedeutet für sie: nach oben heiraten, bevor sie zu alt ist. Doch sie ist kein Luxusweibchen, sondern bodenständig und auch bereit, etwas in die Partnerschaft zu investieren. An Online Liebe glaubt sie nicht.
Die Resonanz auf ihre Kontaktanzeige ist in Ordnung. Ein Foto hat sie nicht verlangt, darauf kommt es ihr nicht an. Esther beantwortet einige Emails und recherchiert die Hintergründe der Kandidaten.
Mit vier von Ihnen trifft sie sich parallel. Einer ist ein Komplett-Ausfall, da ungepflegt und unsympathisch. Aber die anderen drei entsprechen ihrem Suchprofil. Esther fragt fachmännisch Familienstand, Lebensumstände (klingt schöner als Vermögen) und Lebensziele ab. Sie will nichts dem Zufall überlassen.
Einer ihrer potenziellen Gatten will in fünf Jahren eine Weltumsegelung machen – Esther will nicht mitsegeln.
Die Wahl fällt schliesslich auf den Besitzer eines kleinen Weinguts in der Nähe von Vevey. Er ist verwitwet, hat erwachsene Kinder, freundliche Augen und reist ab und zu gerne zu den Weingütern der Welt. Esther hat Lust auf dieses Leben.
Bevor die beiden gemeinsam beschlossen haben, es miteinander zu versuchen, hat Esther noch ein bisschen in den Kontaktanzeigen gesurft. War aber nichts dabei, was sie interessiert hätte.
Wie Ralph Finnes wird ihr neuer Partner aber auch nach drei Gläsern Fendant nicht aussehen.
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